Crowdfunding-Projekte haben ihren Reiz und sind an sich eine gute Sache: Erfinderische, Innovative, Kreative finden hier finanzielle Unterstützung für ihre Projekte, auf die Banken sich gar nicht einlassen würden. Und man verzeiht den Innovatoren eine Menge. Denn schließlich weiß der Crowdfunder ja, dass er meist Newbies unterstützt, die sich in Entwicklung, Marketing und Vertrieb erst eingrooven müssen. So darf sich ein Perk auch gern mal verspäten, solange die Entwickler verständlich und glaubhaft erklären, warum. Doch alles verzeiht der Crowdfunder nicht: Zum Beispiel, wenn er sich vereimert fühlt. Genau das passiert gerade bei der Kickstarter– und Indiegogo-Kampagne von UNObrush aus Dänemark. 

Es hatte sich alles so gut angehört: UNObrush sollte ein innovatives Zahnreinigungssystem werden, das es dem Anwender ermöglicht, in nur sechs Sekunden seine Zähne lupenrein zu reinigen. Ein Mundstück aus einem besonderen Schaumstoff sollte diesen Job mithilfe von Zahnpasta und Ultraschall tun. Und hygienisch sauber sollte wiederum dieses Mundstück durch die Aufbewahrung in einer Box mit UV-Licht werden. Die Idee und das minimalistische Design überzeugten auf Kickstarter 12.375 Unterstützer, auf Indiegogo sind es sogar 16.345 Backer. Fast 2,5 Millionen Euro haben die beiden jungen Gründer für Ihr Produkt eingesammelt, das im Mai 2019 an die Unterstützer ausgeliefert werden sollte. Doch da kam nichts.

Die UNObrush-Gründer: Jung, gewinnend, zielorientiert

Während die beiden jungen Gründer Andreas Dierks und Daniel Kristoffersen in der Kampagnen-Phase 2018 noch ausgesprochen gern kommunizierten, und sich noch ein wenig ungelenk, aber durchaus sympathisch und authentisch auf den Plattformen und in den sozialen Netzwerken präsentierten, wie hier auf Instagram, so ist die Kommunikation in den letzten Monaten doch sehr zäh geworden.

 

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Thanks for all the amazing support guys! We are now over DKK 200,000 in just 16 hours #funded #crowdfunding #kickstarter

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Nach dem erfolgreichen Abschluss der Kampagne im November 2018, nachdem den Unterstützern ihr Crowdfunding-Beitrag abgebucht wurde, herrschte auf allen Kanälen zunächst Schweigen, und bis auf ein Dankeschön zum Jahreswechsel  gab es keine Lebenszeichen und vor allem kein Update zur Produktentwicklung.

Kommunikationsleere nach erfolgreichem Crowdfunding

Die dann folgenden Updates in Februar, April und Mai – dem eigentlich angekündigten Auslieferungsmonat – machten deutlich, dass die beiden UNObrush-Gründer keineswegs den serienreifen durchgetesteten Prototypen auf dem Tisch hatten, den sie angeblich seit 2,5 Jahren erforscht, entwickelt und getestet hatten, wie in ihrem Pitch angedeutet.

In den Updates “überraschten” sie ihre Unterstützer mit bisher nie angekündigten ökologisch abbaubaren Materialien für das austauschbare Schaum-Mundstück, die sie noch entwickeln müssten, mit Investitionen in “neue Laborgeräte” um beschleunigte UV-Hygienetests durchführen zu können, mit ausgestiegenen Produzenten, die wegen der großen Nachfrage nicht liefern können würden. Und damit, dass sie auf konkrete Nachfragen nach Lieferterminen, nach Fotos und Videos aus dem Labor, nach Test-Methodiken oder vom aktuellen Stand des Produktes nicht eingingen.

Im Juni-Update eröffneten das Team, dass die Tests mit den tollen neuen Labor-Geräten ergeben hätten, dass Zahnpastarückstände die Ergebnisse verfälschen würden und neue Materialen gefunden werden müssten.

Das Ganze gipfelte Ende August darin, dass die UNObrush-Macher erklärten: Sorry, die Schaumstofflösung ist doch nicht so gut, wir entwickeln jetzt eine Lösung mit Nylonbürsten. Ausliefertermin irgendwann im ersten Quartal 2020. Das Ganze spickten sie mit Fotos aus dem angeblichen UNObrush-Office: Junge Leute, die vor Notebooks sitzen und aus dem Fenster gucken sollten Authentizität demonstrieren, dabei hätten die Unterstützer doch nun lieber endlich ein Labor oder ein Produkt gesehen. Die Unterstützer sind nicht amüsiert, viele fordern eine Rückzahlung des Betrags, da sie ein anderes Produkt unterstützt hatten und bereits andere ähnliche Lösungen, wie Autobrush, SonicBrush, AmaBrush und V-White auf dem Markt sind, die allerdings in keinem seriösen Test bisher überzeugen konnten.

Rückzahlung wird von UNObrush ausgeschlossen

Ob die vielen Unterstützer jemals irgendein Produkt zugesandt bekommen steht derzeit in den Sternen. Sicher ist, dass es nicht das sein wird, wofür sie ihr Geld gegeben haben. Das sind Beträge zwischen 50 Euro (Super Early Bird für ein Gerät) und (für Weiterverkäufer) 2.700 Euro. Und die werden sie ganz sicher nicht wiedersehen, wenn sie keinen Anwalt beauftragen.

UNObrush Statement RefundingDenn auf Nachfragen antwortet das UNObrush-Team unter anderem: “Bereits zu diesem Zeitpunkt (Anm.: des Fundings) beginnen wir als Urheber, die verbleibenden Mittel (Anm.: abzüglich der Crowdfunding-Gebühren) für die Weiterentwicklung, Verfeinerung, Einzahlung und progressive Ausgaben in Richtung einer Produktionsphase bereitzustellen.
Ich hoffe, dass Sie aufgrund der Mittelzuweisung verstehen, dass Rückerstattungen nach Abschluss einer Kampagne finanziell so weit nicht mehr realisierbar sind. ”

Das gesamte Statement ist u.a. hier auf Facebook in den Kommentaren zu lesen.

UNObrush: Schaumschläger mit Zahnpastalächeln

Schade eigentlich: Ganz offenkundig gibt es einen Markt für innovative Alternativen zum lästigen Zähneputzen mit der herkömmlichen Zahnbürste und mit der Idee haben die beiden jungen Dänen ins Schwarze getroffen. Dass es in einer frühen Produktionsphase in einem Crowdfunding-Projekt mal zu Verzögerungen kommen kann, das ist auch nicht das Problem: Bei verständlicher und engmaschiger nachvollziehbarer Kommunikation durch die Macher vergibt ein echter Crowdfunder vieles und freut sich weiterhin auf sein Produkt.

Im Fall der UNObrush-Gründer dürfen die Unterstützer sich allerdings zurecht geleimt fühlen. Nicht nur haben sie im Pitch suggeriert ein fertig entwickeltes Produkt zur Serienreife bringen zu wollen, sie haben diesen Eindruck auch noch durch diverse Innovation Awards verstärkt, die sie angeblich für ihr UNObrush-Konzept erhalten haben.

Wie die dänische EKSTRA BLADET aber berichtet, ist zum Beispiel der vermeintliche Microsoft Innovation Award nichts anderes, als das Zertifikat für die Teilnahme an einem Schülerwettbewerb für innovative Ideen, das so ähnlich hunderte anderer Schüler ebenfalls erhalten haben.

In einer offiziellen Stellungnahme von Microsoft an EKSTRA BLADET dazu heißt es unter anderem: “Die Jungs hier gewannen eine Auszeichnung in der Kategorie Innovativ, weil sie über den Tellerrand blickten und ein Projekt präsentierten, das gut ausgearbeitet war.  Doch es war keineswegs ein Produkt, das für die Produktion vorgesehen war und dafür von Fachleuten überprüft wurde. (…) Es war ein Schulprojekt, das sich auf das Lernen konzentrierte.”

In einigen Kommentaren von Unterstützern, die Recherchen angestellt haben, wird zudem auf falsch zitierte Studien und nicht vorhandene Patente hingewiesen.

Fazit

Manchmal bezahlt man Lehrgeld beim Crowdfunding, wenn man sich von zu smartem Lächeln, Namedropping von renommierten Firmen und Experten und schönen Illustrationen in die Irre führen lässt. Und das ist vor allem ärgerlich für alle engagierten Projektstarter, die sich sowohl mit ihrem Produkt als auch in der Kommunikation mit ihrer Community echte Mühe geben. Bleibt zu hoffen, dass solche Fälle die Ausnahme bleiben, denn Crowdfunding bleibt für viele innovative junge Gründer die einzige Start-Möglichkeit, und wenn es die mal nicht mehr geben sollte, weil sich zuviele Leute geprellt fühlen, dann wäre das wirklich schade um echte gute Ideen.

Weiterführende Links

Artikel EKSTRA BLADET 30.8.2019: Microsoft Award missbraucht, um Millionen zu sammeln
Artikel EKSTRA BLADET 01.09.2019: Experte: Zwei junge Unternehmer sind gesetzlich verpflichtet, Millionen zurück zu zahlen

UNObrush auf Kickstarter (Updates nur für Unterstützer einsehbar)
UNObrush auf Indiegogo
UNObrush Homepage (nicht auf den aktuellen Entwicklungsstand gebracht)
UNObrush auf Twitter
UNObrush auf Facebook

UNObrush Plaque Test V2 auf YouTube

UNObrush Crowdfunding Review von Go Kick me, der die Kampagne analysiert und auf falsch zitierte Studien hinweist.