Ich fühlte mich wie in einem Film, als ich die ersten Szenen von “Apollo 11” im Trailer sah. Einem fiktiven, wohlgemerkt. Wie in einer 4K-Doku-Fiktion, in der man viel Liebe in Details und das Retro-Look-and-Feel gesteckt hat. Und als ich das erste mal Buzz Aldrin so seitlich in die Kamera gucken sah, dachte ich: Wow, den haben sie aber gut getroffen. Bis Malte sagte: “Das ist echtes Filmmaterial, Mama! Von 1969!”

“Unmöglich!” dachte ich. Aber Malte hatte recht: Die Szenen, die da so brillant und gestochen scharf in diesem schönen pastelligen Retro-Look über mein Retina-Display flimmerten, sind in diesem Juli vor 50 Jahren auf 65-mm-Filmmaterial aufgenommen worden, als zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit zwei Menschen auf dem Mond landeten.
65 Millimeter, das ist ein Filmformat, das analoge Fotografen aus der Mittelformat-Fotografie kennen. Das Footage-Material wurde scheinbar erst kürzlich in Archiven wiederentdeckt. Und nun zum 50jährigen Jubiläum der Mondlandung zu einem großartigen Zeitdokument zusammen gefügt. 11.000 Stunden Audiomaterial wurden dafür kuratiert.

Wir haben ihn schon angesehen. Und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: “Apollo 11” ist einfach atemberaubend. Nicht nur aufgrund der brillanten Kameraführung, der visuellen Dichte und der exzellenten Arbeit von Regisseur und Editor Todd Douglas Miller. Dein Herz klopft unwillkürlich mit, wenn es heißt: “Ignition Sequence starts!” und die Raketen gezündet werden. Sondern auch, weil wir hinein gezogen werden in die Geschichte. Es fühlt sich so “jetzt” an, so als würden wir den ersten Schritt auf den Mond tatsächlich nochmal live miterleben. Ohne Stil-Fehler, ohne Fehler zu technischen Geräten, sondern ganz real, wie ein Zeitzeuge. Großartig!

Who’s that Girl? JoAnn Morgan!

Auffallend natürlich: Diese realen Aufnahmen zeigen ganz nüchtern und ungeschönt die Arbeits-Realität von Frauen in Wissenschaft und Technik Ende der Sechziger Jahre. Frauen kommen in diesem Zeitdokument zunächst nur als Gattinnen der Astronauten vor. Oder als Zuschauerinnen.

Und nur wenn man ganz genau drauf achtet, entdeckt man auch mal die eine oder andere Frau zwischen gefühlt hunderten Männern im Team: Nachdem Neil Armstrong die Handschuhe seines Raumanzugs angezogen wurden, sieht man eine Ärztin Notizen auf seinem EKG-Streifen machen.
Und zwischen die knarzenden Stimmen während des Systemchecks mischt sich auch das “GO!” einer Frau. Während die Kamera durch den Firing Room im Launch Control Center schwenkt, sieht man sie für einen Moment auch: Die einzige Frau in diesem hermetisch abgeschlossenen Raum, JoAnn H. Morgan. Sie ist auch die Frau, die bereits zu Beginn des Films bei einem Briefing zu sehen ist.

Links das Foto der NASA auf Wikipedia, rechts ein Screenshot aus dem Film.
JoAnn Morgan im Firing RoomJoAnn Morgan im Firing Room
Erste Luft- und Raumfahrt-Ingenieurin im Kennedy Space Center

JoAnn H. Morgan kam als erste Luft- und Raumfahrt-Ingenieurin ans Kennedy Space Center – und sie sollte auch für lange Zeit die letzte bleiben. Sie erzählt: “For the first 15 years, I worked in a building where there wasn’t a ladies’ rest room. It was a big day in my book when there was one.”

An diesem Tag im Juli wurde die damals 28-jährige mit ihren männlichen Kollegen buchstäblich im Firing Room im Launch Control Center “eingesperrt.” 30 Minuten vor dem Blast Off wurde der Firing Room abgeschlossen, und keiner und keine kam mehr rein oder raus.

JoAnn war Chief Instrumentation Controller und damit verantwortlich für die Hauptcomputer der Central Instrumentation Facility (CIF), sowie für die Blitz- und Feuermeldesysteme auf dem Pad, der Funkkommunikation und die Überwachung des Command Carrier auf Interferenzen.

Schlau, schön und selbstbewusst – Das gefiel nicht jedem

Damit dass sie – als Frau – diesen Job machte, damit waren nicht alle cool. “Wohlgemeinte” Anspielungen der ausschließlich männlichen Kollegen darauf, dass sie ihren Gatten bei so viel Arbeit ja nie sehen würde, mal mehr, mal weniger kollegiale Einladungen zum Kaffeetrinken und verstörende Begegnungen in Aufzügen gehörten zu ihrem beruflichen Alltag. An ihrer Konsole erhielt sie obszöne Anrufe.

Und auch bei so mancher Beförderung fühlte sie sich als junge Frau so manches Mal übergangen.

Doch ihre Leidenschaft für ihre Arbeit und dem Wissen, ihren Mann im Rücken zu haben, der sie darin bestärkte ihr Ding zu machen und über diesen anderen Dingen zu stehen, halfen ihr beim Durchhalten.

2003 ist JoAnn Morgan nach rund 45 Jahren Passion und Arbeit für die bemannte Raumfahrt, die inzwischen auch Frauen ins All transportiert, in Rente gegangen. Zuletzt war sie für die NASA als Direktorin für Außenbeziehungen und Geschäftsentwicklung tätig.

Apollo 11 sehen und staunen

Im Team von Apollo 11 war sie nur eins von vielen perfekt ineinander greifenden Rädchen, die sich für die große Mission Mondlandung drehten. Und damit die Astronauten überhaupt zum Mond kamen, daran hatten neben all den Männern auch noch einige andere Frauen ihren Anteil, wie zum Beispiel die Softwareentwicklerin Margaret Hamilton. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Schaut Euch “Apollo 11” an, wenn Ihr die Chance dazu bekommt. Leider ist bis heute nicht ganz klar, ob der in den Staaten bereits angelaufene Film in deutsche IMAX-Kinos kommen wird.

Nachtrag: Noch bis zum Spielplanwechsel im November kann Apollo 11 im IMAX-Kuppel-Kino im Technik-Museum Speyer gesehen werden. Das IMAX Speyer ist das einzige IMAX in Deutschland, in dem die Filme auf eine riesige Kuppel projiziert werden. Das dürfte ein spektakuläres Erlebnis sein!

Die Vanity Fair hat das Interview mit JoAnn Morgan geführt, in dem ich die meisten Informationen gefunden habe, die ich hier im Artikel zusammengetragen habe.

Noch mehr Hintergründe und Details zu JoAnn H. Morgan als erste Frau im Firing Room bei der Apollo-11-Mission hat die Blue-Origin-Ingenieurin Megan H. auf Twitter zusammen getragen.

Photos in courtesy of NASA and CNN.