Stellt Euch das vor, Ladies: Ein gut gebauter Mann mit glitzernden Schweißperlen auf dem muskulösen nackten Oberkörper hockt in knallenger Jeans in einem Rechenzentrum und baut da einen Server ins Rack ein. Dass er offenkundig sonst einen anderen Job hat, sieht man an der sinnlosen Verkabelung und daran, dass er den Server anfasst und grenzdebil angrinst wie ein Päckchen vom Erotik-Versandhandel. Dass er im idealerweise auf 21° Grad Celsius temperierten Rechenzentrum bei einer Luftfeuchtigkeit von unter 40%  schwitzt wie in der Sauna, das deutet entweder auf eine fiebrige Tropenerkrankung oder auf eine kaputte Klimaanlage hin. Aber hey, Details, sind ja nicht wichtig. Schließlich geht es um diesen… heißen… verschwitzten…. Mannnn... //hierbremsgeräuscheinfügen

Oh wait! Eigentlich hattet Ihr in der Stockfoto-Datenbank nach “Rechenzentrum Hardware Ingenieur” gesucht und seid dabei auf dieses Foto gestoßen? Dann guckt Ihr jetzt genau so irritiert wie ich.

Stockfotos lügen und sind sexistisch

Ich bin Fotografin und vermeide Stockfotos, wo es möglich ist. Denn Stockfotos sind niemals authentisch. Sie sind beliebig austauschbar, lügen immer, und mit Pech findet man das gleiche Stockfoto vom “Servicemitarbeiter in unserem Support” auf 200 anderen Websites diesseits und jenseits der Branche. Beliebt sind auch Bilder von “unserem Headquarter”, die eigentlich gerendert sind, und die sich nach einem Abgleich mit der Google Bildersuche als das Headquarter von 200 verschiedenen Unternehmen herausstellen, die dann wohl alle Nachbarn sein müssen: Da ist dann alles vom IT-Konzern bis zur Metzger-Innung dabei.

Manchmal lässt es sich aber leider nicht vermeiden für Artikel oder Firmen-Websites auf Stockfotos zurück zu greifen – zum Beispiel in Ermangelung eines Rechenzentrums, in dem man der hauseigenen Kollegin bei ihrer realen Arbeit über die Schulter gucken kann. Schon deshalb, weil die Sicherheitsbestimmungen der Kunden so strikt sind, dass man als Fotografin nur zu bestimmten Bedingungen, Zeitpunkten und Auflagen oder gar keinen Zutritt erhält.

Stockfotos nur als neutrale Symbolbilder

Also begibt man sich in die Stockfoto-Datenbanken seriöser Anbieter wie zum Beispiel Adobe Stock und sucht nach “Rechenzentrum Hardware Frau”. In der Hoffnung ein Bild zu finden, bei dem man einer nicht erkennbaren Ingenieurin buchstäblich über die Schulter guckt, während sie fachlich nachvollziehbar am Server arbeitet. Mit einem Laptop, dessen Monitor so verspiegelt ist, dass keine Details zu erkennen sind. Sollte ja möglich sein, ist aber gar nicht so einfach ein passendes Bild zu finden, wenn man konkrete Vorstellungen hat.

Deshalb sucht man auch schon mal etwas länger. Und stößt dabei immer wieder auf Interpretationen, bei denen einem nur staunend der Mund offen steht. Und der Gedanke durch den Kopf schießt: “Lieber Stockfotograf, was genau stimmt nicht mit Dir?”

Hier kommen meine Top Ten der dümmsten und sexistischsten Fotos, die ich heute unter verschiedenen Kombinationen der Suchworte “Rechenzentrum Hardware Frau Ingenieurin Technikerin Industrie Produktion” gefunden habe.

Meine Top Ten der heutigen Stockfotosuche
No sexy Ingenieur in this search

Und ja, ich habe auch lange und explizit für dieses Motiv nach “Rechenzentrum Hardware Ingenieur” gesucht. Da habe ich zwar auch ziemlich viele ziemlich dämliche Themeninterpretationen gefunden. Aber nicht ein einziges, das auch nur annähernd in einen sexuellen Kontext gerückt worden wäre.

Und nachdem das bei der Suche nach einer fachkundigen Frau doch sehr häufig passierte, habe ich die Suche noch testweise um ein “sexy” erweitert. Das hier war das einzige, was ich gefunden habe… und ich bin nicht traurig darüber.

Ehrenrettung für Adobe

Bei Adobe Stock gibt es natürlich auch jede Menge gut produzierter Motive, die völlig okay sind, und natürlich sind sie sich dort der Absurdität so mancher Themeninterpretationen nur allzu bewusst. 2016 gab es sogar eine Adobe-Kampagne rund um die beliebigsten und am häufigsten produzierten 08/15-Motive, was von einer gewissen Selbstironie zeugt. Das Lookbook dazu könnt Ihr Euch hier als pdf runterladen.

Und zum Weltfrauentag gab es ein kleines Video, das andere Frauenbilder als die da oben zeigt. Das ist löblich, auch wenn die dafür kuratierten Fotos natürlich auch kaum Lebenswirklichkeiten widerspiegeln. Aber die haben wir ja selbst, nech 😉

Aber wenn ich bedenke wie oft Fotos von mir* mangels – ich zitiere – “Ästhetischem Aussehen oder Marktgängigkeit von Bildern” abgelehnt werden, dann komme ich nicht umhin mich zu fragen, wie elf der zwölf Fotos da oben an dieser Kontrolle vorbeirutschen konnten.

Falls jemand ein Foto von einer fachkundigen Ingenieurin hat, der so über die Schulter fotografiert wurde, dass man sie etwas Sinnvolles an einem anständig verkabelten Server in einem Rechenzentrum machen sieht, vielleicht noch mit einem Laptop nebendran, und so dass sie nicht zu erkennen ist: Bitte unbedingt melden und mir anbieten. Leider habe ich nichts dergleichen gefunden.

Appell an Stockfotografen und Stockfoto-Nutzer

Bitte überdenkt bei jedem Foto das Ihr macht oder nutzt, welches Klischee Ihr – vielleicht sogar unbewusst – bedient und welches Bild Ihr damit vermittelt. Es gibt keine zweite Chance für einen ersten Eindruck. Und die Auswahl Eurer Stockfotos sagt häufig viel mehr über Euer Unternehmen aus, als jeder Fachtext, der auf Eurer Homepage zu finden ist… Und Leute, ehrlich, solche Frauenbilder zu produzieren ist peinlich, entlarvend und so Achtziger…

Nachtrag*

Wenn Fotos von mir bei Adobe Stock Mangels “Ästhetischem Aussehen oder Marktgängigkeit von Bildern” abgelehnt werden, dann ist da schon meistens was dran. Da ich keine Stockfotos gezielt produziere sondern nur Fotos einreiche, die irgendwo nebenbei entstanden sind und deshalb für den Markt oft zu authentisch sind, ist das nicht überraschend und auch völlig ok.

Titelfoto: Adobe Stock/miklyxa