Nichts ist sicher in dieser Welt, außer Deinem Tod. Und meinem. Und der aller anderen Menschen auf dieser Welt. Der Tod ist Alltag, immer um uns herum, unvermeidlich, uns aber selten präsent. Weil Du ihn nicht willst. Weil ich ihn nicht will. Weil niemand ihn will. Jedenfalls jetzt noch nicht. Und eigentlich ja nie.

Und deshalb leben wir jeden Tag, als seien wir bulletproof. Du tust das. Und ich. Und alle. Und wir denken nicht darüber nach, dass jeder Atemzug unser letzter sein könnte. Warum auch.

Und so gehen wir durchs Leben, auch durchs virtuelle, als gäbe es kein Morgen. Und tauschen uns mit anderen Menschen aus. Ich mit Dir. Du mit mir. Manchmal mit allen, wenn der Status auf “Öffentlich” steht. Öffentlich auf der Bühne der sozialen Netzwerke, meist so harmlos, dass wir auch später nicht denken müssen: Oh, wie war ich denn da drauf, besser mal löschen. Und wenn doch, dann tun wir das einfach. Du. Und ich. Alle tun das. Aber eigentlich selten, weil wir ja schon vorher wissen, was wir nicht mit jedem teilen wollen.

Privat ins Netz gegangen

Doch dann, dann treffen wir uns in den stillen Kämmerchen des Internets. In Messengern und Mailboxen. Nur Du. Nur ich. Und nur ein paar von allen anderen. Ganz wenigen. Und vertrauen uns einander an. Denn hier sind wir privat miteinander.

In diesen Messengern und Mailboxen leben wir unseren täglichen Austausch. Immer dann, wenn wir gerade nicht zusammen sein können. Eine WhatsApp hier. Ein Privatnachricht dort. Und wenn es mal etwas komplizierter wird, dann öffnen wir Gmail oder Outlook oder etwas anderes, und schreiben uns die weniger alltäglichen Dinge.

Wir schreiben von Gefühlen, von Ideen, von Sorgen, von Liebe, Eifersucht und Sex. Wir schreiben von Geschäften, manchmal auch dann wenn wir eine NDA unterschrieben haben, weil wir Beratung und Inspiration von jemandem brauchen, dem wir vertrauen. Du schreibst mit Menschen, von denen ich nichts weiß. Und ich schreibe mit Menschen von denen Du nichts weißt. Und alle schreiben mit Menschen, von denen kein anderer weiß. Weil wir alle Geheimnisse haben, mal kleine, mal große.

Einfach,  weil sie manchmal unvermeidlich sind, oder auch schon mal, weil sie so schön kribbeln. Oder weil sie eine kleine Flucht sind, Dein Chillen aus dem Alltag, das keinem weh tut, das aber auch niemand wissen muss. Einfach, weil Du gar nicht willst, dass davon irgendjemand weiß. Ich will das auch nicht. Auch die anderen wollen das nicht.

Die Gedanken sind frei. Sie gehören nur Dir. Oder mir. Oder eben den anderen. Und jenen, mit denen wir sie geteilt haben. Nur jenen. Unter dem Siegel des Vertrauens, der Vertrautheit, der Verschwiegenheit, der Zweisamkeit. Mit Sicherheit.

Zweisamkeit und Vertrautheit

Das ist auch so mit all den Bildern, die Du auf Deiner Cloud gespeichert hast. Bilder sind Erinnerung. Deine. Und meine. Und alle haben irgendwo ihre Bilder, die ihnen helfen, sich zu erinnern. Wie es war, noch vor ein paar Wochen. Oder ein paar Monaten. Oder ein paar Jahren. Sie liegen dort, weil Du sie nicht auf Deinem Rechner oder Deinem Smartphone lassen wolltest. Weil sie den Speicher blockieren, oder auch weil sie sonst jemand sehen könnte, für den sie nicht bestimmt sind. Deine Kinder, Dein Partner, Deine Kollegin, wer auch immer.

Dort liegen sie dann, ein ums andere Jahr, vielleicht in Ordnern, und es werden mehr und mehr. Denn die Dienste schenken uns immer mehr von diesem Speicherplatz, Dir und mir und uns allen. Und wir nehmen diese Geschenke entgegen, ohne darüber nachzudenken. Und Du speicherst dort immer mehr Bilder, und Dokumente, und Videos, weil Du sie nicht wegwerfen willst. Ich will das auch nicht. Nur wenige räumen da wirklich ab und zu auf.

Und vielleicht löschen sie dann die Bilder aus vergangenen Partnerschaften. Die privaten. Die innigen. Die Bilder von Momenten, die nur Dir gehört haben. Und mir. Bilder, die nur wir mit Bedeutung und Geschichte füllen können. Nur Du. Und nur ich. Bilder, die andere nicht verstehen würden. Aber missverstehen könnten. Missdeuten. Und aus Deinen Bildern fremde Bilder machen könnten. Falsche. Viele denken aber nicht mal daran, sie zu löschen. Sie vergessen sie einfach.

Und so legst Du Dein Leben in diesem Internet ab. Ich tu das. Und alle tun das. Die einen mehr. Die anderen weniger. Du tust es fünf Monate lang, oder fünf Jahre, oder 15 Jahre. Immer noch mit der gleichen eMail-Adresse. Die Menschen, mit denen Du Dich ausgetauscht hast, kamen und erzählten Dir etwas. Und Du erzähltest ihnen etwas. Und dann gingen diese Menschen wieder. Eure Gespräche bleiben in der Cloud. Eure Gespräche. Unsere Gespräche. Und es werden immer mehr.

Du denkst da nicht dran. Du schaust Dir diese alten Bilder und Dokumente und eMails nicht mal mehr an. Ich auch nicht. Wer tut das schon in Zeiten grenzenloser kostenloser Speicherplätze.

Und dann bist Du tot. Und Deine Cloud gehört jemand anderem.

Eben warst Du noch da. Oder ich. Oder jemand von den ganzen anderen. Und jetzt bist Du tot. Du hattest einen Unfall, ich hatte einen Herzinfarkt, jemand anders hat sich an einem Kirschkern verschluckt.

Was bleibt, ist Deine Cloud. Und diese Cloud ist Erbgut. Diese eMailadresse, die Du für alles genutzt hast. Für alle LogIns in alle Netzwerke, Blogs, Kanäle, Gruppen. Für alle Clouds. Für Deinen Browser- und Suchverlauf. Für alle eMails, egal mit wem. So eine eMailadresse hatte ich auch. Und vermutlich haben viele so eine eMailadresse.

Bei Googlemail oder GMX, Telekom oder Microsoft. Weil sie umsonst ist. Weil sie so praktisch ist. Auch die dazugehörige Cloud, die Dokumente, die Tabellen, und alle Ordner, die Du je mit jemandem geteilt hast, oder die Ordner und Dateien, die für Dich freigegeben wurden. Nur für Dich. Jederzeit und von überall abrufbar.

Nicht nur von Deinem Rechner oder Smartphone, die Du nicht mit einem sicheren Passwort generalgeschützt hast.

Auch von diesem Rechner bei diesem Kumpel, bei dem Du vergessen hast, Dich auszuloggen.

Auch von Deinem Firmenrechner, den Du – vielleicht unerlaubt – auch privat genutzt hast, und auf dem Du gedankenlos Deine Passwörter im Browser oder im Schlüsselbund gespeichert hast.

Und die erstbeste Person, die Deinen privaten Rechner hoch fährt, Dein Partner, Deine Mutter, vielleicht Deine Kinder, oder der “Kumpel”, der nach Deinem Tod erst mal schaut, ob er Zugriff auf Deine Konten bekommt, oder der IT-Kollege, der vom Chef beauftragt wird, mögliche Arbeiten von Deinem Rechner zu retten, jeder von ihnen könnte aus Versehen Zugriff auf alle Deine privaten Daten, Mailwechsel, Kontakte, Kanäle erhalten, nur weil Du meintest, dass Du Dich sicher noch lange nicht kümmern musst, weil Du ja noch nicht stirbst.

Und nur im allerallerbesten Fall ist es jemand, der verantwortungsbewusst mit diesem Erbe umgeht.

Deine Cloud als gefühltes Erbe

Egal ob es ein rechtmäßiges Erbe ist. Oder ein gefühltes, weil diese Person denkt: “Du hast Dich nicht ausgeloggt, Du bist tot, also gehört es jetzt mir.” Im Idealfall ist es jemand, der nur Deine Verträge checkt und sie kündigt, und der dann Deinen Account sofort diskret schließt. Für immer und alle Zeit.

Und nicht jemand, der sich auf das BGH-Urteil zum digitalen Erbe beruft in dem es etwa heißt: “Auch Tagebücher und Briefe würden vererbt, argumentierte das Gericht. Es gebe keinen Grund, digitale Inhalte anders zu behandeln.”

Denn es gibt doch einen Grund, digitale Inhalte anders zu behandeln, als Omas Handvoll Briefe von verflossenen Liebschaften auf dem Speicher: Man kann sie nach Schlagworten durchsuchen. Man kann sie nach Namen durchsuchen. Namen von noch lebenden Menschen, die sich Dir einst anvertraut haben. Und so hat irgendjemand Zugriff auf jeden Kontakt, jede private Diskussion, jedes vertrauensvolle Gespräch, das Du jemals mit einem Menschen per mail geführt hast. Weil so eine Mail heute so viel selbstverständlicher täglich und schriftlich formuliert wird, als jeder jemals auf Papier verfasste Brief.

Du willst niemanden preis geben

Ich weiß, Du willst das nicht. Und Du weißt, ich will das nicht. Und wir wissen, dass niemand das will: Preisgegeben werden an irgendeinen Fremden. Oder an jemanden, von dem Du weisst, dass er neugierig und nicht vertrauenswürdig oder verschwiegen ist. Oder an jemanden, der über genügend kriminelle Energie verfügt, um alles zu Geld zu machen, was ihm nicht schnell genug entrissen werden kann. Oder an jemanden, den es verletzen würde, wenn er Zugriff auf all Deine Gespräche und Fotos und Daten bekäme. Oder an jemanden, der noch zu jung ist um zu verstehen, was er sieht und was er liest, und der die falschen Schlüsse ziehen könnte.

Und deshalb: Log Dich aus, bevor Du stirbst.

Noch ein paar Tipps

Wenn Du nicht willst, dass Deine Erben oder irgendjemand anders Deine privaten Konversationen des letzten Jahrzehnts durchstöbern können, dann kannst Du einige Vorsichtsmaßnahmen treffen.

In jedem Fall solltest Du dem Menschen, dem Du bewusst und vertrauensvoll Dein digitales Erbe zur endgültigen Verwaltung und Schließung überträgst, konkret über Deine Wünsche und Vorstellungen, was zum Beispiel mit Deinem eMail-Account geschehen sollte, informieren. Ein “Übrigens, Du bist jetzt mein Nachlasskontakt.” per Privatnachricht hilft dem Vertrauensmenschen wenig, wenn der erst nach Deinem Tod feststellt, was er alles geerbt hat – auch nicht als valide Legitimation. Sag konkret an, was mit Deinen Social-Media-Kanälen passieren soll, ob sie geschlossen in den Trauermodus versetzt oder gelöscht werden sollen. Und das handschriftlich und von einem Zeugen oder am besten einem Anwalt beglaubigt. Und vergiss nicht die Formulierung: “Diese Vollmacht gilt auch über meinen Tod hinaus.” Denn ohne die hat niemand etwas in der Hand.

Und wenn Du für Deine rein geschäftlichen Kontakte, über die Verträge laufen, wie Mobilfunk, Domains, Stadtwerke etc, ein separates Konto führst und nur dieses auch vererbst, damit Verträge gekündigt werden können und nicht durch die Erben weiterbezahlt werden müssen, oder von ihnen – laut Deinem eindeutig formulierten Wunsch – übernommen und weitergeführt werden können, dann bringst Du Deinen digitalen Nachlassverwalter weder in Verlegenheit, noch in Versuchung, Deine privaten Postfächer zu durchsuchen.

Und Dein privates Mailkonto kann durch das Einreichen der Sterbeurkunde durch einen direkten Verwandten geschlossen und gelöscht werden, ohne dass dieser Zugriff darauf bekommen muss. Bei Gmail zum Beispiel damit auch alle Google-Dienste wie Cloud-Drive, Dokumente, Kalender und YouTube.

Mehr Tipps zum Umgang mit dem digitalen Erbe

* Nachtrag zum Ausloggen

Das solltest Du natürlich grundsätzlich tun: Wenn Du Dich an einem fremden Rechner einloggen musst, dann log Dich immer aus und speichere Dein Passwort nicht versehentlich in einem Passwortmanager, einem Browser oder einem Schlüsselbund. Selbst wenn der PC-Besitzer das nicht zu Deinen Lebzeiten ausgecheckt hat – und dann würdest Du es vermutlich merken und könntest Dein Passwort noch ändern – spätestens nach Deinem Tod weckt allein die Möglichkeit, dass Du Dich nicht ausgeloggt  haben könntest oder Dein Passwort versehentlich gespeichert hast, ungeahnte Begehrlichkeiten und Legitimationsansprüche, die Du Dir zu Lebzeiten nicht mal vorstellen wolltest…

Es ist bekannt, dass die Nase niemals glücklicher ist, als wenn sie in anderer Leute Angelegenheiten steckt.